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Anja Hühnlein – Co-Leiterin Informationszentrum und Bibliothek

„Ich unterstütze die Kulturpflanzenforschung – aber ohne Labor und Gewächshaus.“

Liebe Anja, Du hast an der Leibniz-Uni in Hannover promoviert und bist heute Co-Leiterin des Informationszentrums und der wissenschaftlichen Bibliothek am JKI-Hauptsitz in Quedlinburg.

Was sind Deine Aufgaben am JKI? 

Ich bin u. a. Schriftleiterin des Journals für Kulturpflanzen, arbeite mit wissenschaftlichen Publikationen und Fachrecherchen und bringe die Nachwuchsforschenden des JKI jedes Jahr zum Young Scientists Meeting zusammen.

Wie bist Du beim JKI gelandet?

Während meines sehr praxisnahen Gartenbaustudiums habe ich schon früh gemerkt, dass mich das „Warum“ hinter den Fakten immer am meisten interessiert hat. Hinzu kam ein großes Interesse daran, wie Pflanzen krank werden und wie man sie davor schützen kann. Diese enge Verknüpfung von Forschung mit dem Ziel das Wissen in die Praxis zu bringen, hat mich für die Arbeit am JKI begeistert

Wissenschaftlerin sein – war es ein Traumjob oder manchmal ganz schön verrückt? 

Es war ein Traumjob, da ich die Möglichkeit hatte meine Fragen und Hypothesen endlich durch Experimente zu beantworten oder der Antwort zumindest ein Stück näher zu kommen. Vieles ließ sich aber nicht umsetzen, da einfach die Zeit und die Ressourcen gefehlt haben. Zudem gab es auch ganz schön viele Rückschläge, da selbstverständlich nicht jedes Experiment so klappte, wie man sich das vorgestellt hatte.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade überlegt: Forschung klingt spannend – aber ist das wirklich etwas für mich?

Es ist toll, die Möglichkeit zu bekommen etwas herauszufinden, was bisher noch niemand beantworten konnte. Um in der Forschung erfolgreich zu sein, brauchst du allerdings eine hohe Frustrationstoleranz sowie die ständige Bereitschaft, dich auf unvorhersehbare Veränderungen einzustellen. Da dieser Weg viel Einsatz fordert und selten eine klassische Work-Life-Balance bietet, treibt dich vor allem der Idealismus an, mit deiner Arbeit an einer besseren Zukunft mitzuwirken.

Was würdest du jungen Menschen sagen, die sich für Biologie, Pflanzen, Landwirtschaft oder Forschung interessieren, aber noch nicht wissen, wohin ihr Weg geht?

Man muss heute noch nicht wissen, wo man in 20 Jahren beruflich stehen möchte. Die Dinge entwickeln sich eh meistens nicht so, wie erwartet – das meine ich explizit auch im positiven Sinne. Wenn sich junge Menschen für Pflanzenforschung, Landwirtschaft oder Gartenbau interessieren, dann sollen sie sich unbedingt auch beruflich für diesen Weg entscheiden. Ob dieser Weg später einmal eine ganz andere Richtung einschlagen wird, ist erst einmal egal. Anfangen, Loslegen ist wichtig. Jeder Baustein trägt zum Bau des eigenen Lebensgebäudes bei – egal ob er am Anfang grün, rot oder blau ist. Wichtig ist nur, dass man die Bausteine legt.

Du engagierst dich auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Warum ist es dir wichtig, junge Wissenschaftler zu unterstützen?

Zwischen dem Ende des Studiums und dem Beginn einer Karriere in der Wissenschaft ist es ein großer Sprung. Sicher ist das, was man im Studium gelernt hat, äußerst nützlich, bereitet einen aber in vielerlei Hinsicht nicht auf den Forschungsbetrieb vor. Plötzlich soll man Experimente nicht nur ausführen, sondern auch selbst planen, muss sich um die Einwerbung von Geldern kümmern, soll verschiedene Richtlinien, Gesetze, Policies oder Verordnungen im Blick haben. Das kann am Anfang schon überfordernd sein. Genau hier möchte ich helfen: durch Veranstaltungen, die informieren, Netzwerke ermöglichen und durch das Kennenlernen Gleichgesinnter eine vertraute Umgebung schaffen.

„Journal für Kulturpflanzen“ – Was steckt dahinter? 

Wissenschaftliche Fachzeitschriften gibt es Tausende. Die meisten davon wurden von Wissenschaftlern für Wissenschaftler geschrieben, was unverzichtbar ist, da Forschung nur vorankommt, wenn Sie auf den neuen Erkenntnissen aufbauen kann. Allerdings müssen diese Erkenntnisse irgendwann auch in die Praxis übertragen werden. Was nützt es beispielsweise, wenn Wissenschaftler verstanden haben, dass der Klimawandel zu einer veränderten geografischen Verbreitung von Vorratsschädlingen führt, wenn daraus keine Bekämpfungsstrategien abgeleitet und etabliert werden? Genau hier hat das Journal für Kulturpflanzen eine Nische gefunden, da es an seine Veröffentlichungen hohe wissenschaftliche Standards knüpft, diese aber so aufbereitet, dass sie auch von Praktikern genutzt werden können, indem sie z. B. immer einen Praxisbezug herstellen und ggf. auch auf Deutsch formuliert werden.

Wie oft hast du heute schon geseufzt, weil das Urheberrecht mal wieder kompliziert ist?

Ich bin froh, dass es das Urheberrecht gibt, da es uns vor allem in der Wissenschaft an ganz vielen Stellen erlaubt, Literatur mit anderen zu teilen oder nachzunutzen, ohne dafür Unsummen an Verlage zahlen zu müssen. Ich würde mir nur wünschen, dass Anpassungen im Urheberrecht schneller mit den aktuellen Entwicklungen mitgehen würden. Beispielsweise ist es unerträglich, dass es im deutschen oder europäischen Urheberrecht noch immer keine klare Regelung zum KI-Training basierend auf urheberrechtlich geschütztem Material gibt. Das führt dazu, dass wir es aus Angst etwas Illegales zu tun lieber bleiben lassen, obwohl große Konzerne in China oder den USA daraus längst ein kommerzielles Imperium aufgebaut haben, in das wir Stück für Stück gezwungen werden, wenn wir im Forschungsbetrieb mithalten wollen.

Was fasziniert dich persönlich bis heute an Pflanzen? 

Pflanzen haben Eigenschaften, an denen ich mich als Mensch gern orientiere: Sie sind geduldig, lassen sich von widrigen Umständen nicht gleich unterkriegen, „kämpfen“, wenn sie beschädigt werden und können, selbst wenn man sie schon fast aufgegeben hat, manchmal vollständig regenerieren und erblühen. 

Was kann das JKI jungen Forschenden bieten?

Das JKI bietet eine Forschungsumgebung, in der es vorrangig um die Verbesserung im Anbau, dem Ertrag und der Nachhaltigkeit unserer Kulturpflanzen geht. Auch wenn für Wissenschaftler die Einwerbung von Drittmitteln, die Veröffentlichung in renommierten Zeitschriften oder der Aufbau der persönlichen Karriere natürlich eine wichtige Rolle spielen, so führt dies am JKI nicht in dem Maße zu Konkurrenzverhalten, wie es an anderen Forschungseinrichtungen der Fall sein mag. Die kollegiale Arbeitsatmosphäre ist am JKI sehr angenehm.

Danke Anja! 

Und nun zu Dir! Willst Du mit uns die Welt grüner machen?